Sonntag, 4. März 2012

Und was machen Sie so tagsüber?

Wenn Sie es noch nicht kennen – wir werden gern schon mal gefragt: “Ach, Sie sind Schauspieler. Und was machen Sie so den Tag über?”

Das AuGuSTheater Neu-Ulm spielt in dieser Woche die letzten beiden regulären Vorstellungen von “Willis wilde Weiber”, nämlich am Donnerstag, 8. März (absolut passend zum Internationalen Frauentag) und am Freitag, 9. März. Dabei ist anzumerken: Es gibt nur noch Restkarten – das Stück hat sich zum Publikumsrenner (kein Wunder – bei DER Resonanz) gemausert. Am Samstag, 10. März (um 20 Uhr) und am Sonntag, 11. März (17 Uhr) steht nochmals “fast Faust” auf dem Spielpan. Damit dürften die Akteure beider Produktionen eingespielt sein für ihre Teilnahme am “1. Neu-Ulm PocketKlassiker-Festival“, welches dann als krönender Abschluss der glorreichen Theaterzeiten im “Konzertsaal” über die Bühne gehen wird.

Obwohl dieses Festival schon jede Menge Energie verlangt, wird schon am Umzug in die neue Spielstätte gearbeitet. Dort soll am 21. September zum ersten Mal “der Lappen hochgehen”. Die Handwerker haben begonnen. Nach dem Festival wird im “Konzertsaal” abgebaut, was im neuen Theater wieder verwendet werden kann. Claudia Riese arbeitet am Finanzierungskonzept (einschließlich Ansprechen von Sponsoren und Beantragen von Zuschüssen), führt die Übernahme-Gespräche und -Verhandlungen und plant in bewährter Weise die innenarchitektonische Gestaltung.

Parallel zu allem beginnt am Dienstag dieser Woche die Probenarbeit zu “Männergespräche“. Das Stück von Morten Feldmann soll am 13. April Premiere haben. Es wird die letzte Produktion in der alten Spielstätte sein. Dabei wird die Umbruchsituation im Hause in besonderer Weise mitspielen. Heinz Koch führt die Regie und wird auf Stilmittel zurückgreifen, die in abgewandelter Form bei dem preisgekrönten Stück aus eigener Feder “Helden auf dem Abstellgleis” erfolgreich waren und auch schon zum Tragen gekommen waren bei “Kelly-Briefe“, einem Text von Wolf Wondratschek, den das AuGuSTheater nach persönlichen Gesprächen mit dem Autor in Wien in einer ganz besonderen Weise für die Bühne aufbereitet und uraufgeführt hatte. “Männergespräche” wird es bis Mitte Juni geben.

Bevor dann endgültig Ende Juni Schluss ist an der Silcherstraße 2, wird es noch einen Abend in der Reihe “Ohne Netz … ” geben, mit der die Neu-Ulmer Theatermacher immer mal wieder Themen auf eine besondere Art auf die Bretter bringen. Der letzte offizielle Abend im AuGuSTheater Neu-Ulm an der dann aufzugebenden Spielstätte ist am 29. Juni. Im Rahmen von  “Wohl-fühlen 2012“, einem einwöchigen (23. bis 30. Juni) Projekt der bürgerschaftlichen Initiative “Wir in Neu-Ulm” heißt es im Theater “Heilung über die Seele”. Es geht um “Lachen als Gesundheitsprophylaxe”, um “Theater auf Krankenschein”. Zur Sprache kommen Goethes Heilkunst-Ambitionen, die er mit dem Singspiel Lila verfolgte, sowie Molières bissige Ansichten zum Ärzten und Quacksalberei, wie er sie in “Der eingebildet Kranke” für die Bühne dramatisierte.

Posted via email from AuGuSTheater's zentrales blog

Dienstag, 21. Februar 2012

“Eh ich’s vergesse …” – Memoiren eines Nobody (Fragment 06)

Wie, was, wo, warum?
Ich fange fasse mal so an zusammen:
Gestern schoss mir durch den Kopf: Den 70. feierst Du groß.
Heute fange ich mit dem Wort „groß“ schon nix mehr an.
Und „feiern“?
Siehe die erste Zeile dieses Fragmentes.

Wenn ich alles Mögliche auf einen Nenner bringen soll, verweise ich auf Suchmaschinen. Dem, der mich kennenlernen möchte, hilft das allerdings nicht wirklich weiter. Mit der Zeit verschwimmt doch alles. Selbst das, von dem man sicher war, dass man es genau weiß, ist möglichweise erstarrte Phantasie.

Was hat man nicht alles rationalisiert…. So manches „Fakt“ hatte man für die Um- und Nachwelt zurechtgezimmert, permanent als wahr kolportiert und schließlich sich selbst geglaubt. Bewusster fake? Unbewusst internalisiert?

Ein Detail: Für meinen Großvater kam ich zu spät. Er hatte sechs Töchter. Als die älteste dieser Töchter Mutter wurde, gebar sie ihrem Vater – eine Enkelin. Wieder ein Mädchen. Dann kam ich. Drei Wochen vorher war der Großvater gerstorben. So wird in der Familie erzählt. Ich hab’s auch immer wieder erzählt, aber nie überprüft. Dass ich nach meinem Großvater nach heftiger Intervention meines Vaters durch Hinzunahme des Namens seines Vaters einen Bindestrich-Vornamen verpasst bekam. Heinrich-Otto. Ein Nobody mit den Namen der beiden „größten deutschen Kaiser“ – so die Version meiner Mutter, die mich nie wirklich getröstet und mit dem Doppelnamen versöhnt hat.

Den 70er feier ich groß. Womöglich, wer weiß, die letzte Gelegenheit, groß zu feiern. Danach wird’s nicht mehr so groß, weil da kaum noch jemand dabei sein möchte. Gerade hab ich einen 60er hinter mir. Der war groß. Und bald kommt ein anderer 60er. Der wird groß. Beim letzten hab ich große Augen gemacht. Beim nächsten soll ich den Mund aufmachen.

Die gestaunten Bauklötze liegen inzwischen chaotisch rum. Was dem Gehege meiner Zähne entfleuchen wird – wird wohl nicht in die Sammlung großer Worte finden.

Scheiß was auf 60, 70, 80.
Carpe diem.

Posted via email from AuGuSTheater's zentrales blog

Donnerstag, 2. Februar 2012

Vom Scherben-Viertel zum Stella-Platz



Schreit nach „Gestalten!“ - der Petrusplatz in Neu-Ulm, rechte Herzkammer der Stadt.

Ideen für Neu-Ulm, die absurd genug klingen, um Chancen zu haben
Sensationell: Frank Stella, der weltberühmte Frank Stella, einer der Großmeister der modernen Kunst, gestaltet die rechte Herzkammer Neu-Ulms, den Petrusplatz. In unmittelbarer Nachbarschaft wird das Werk eines anderen Weltkünstlers platziert: „Open Two-way Mirror for Günter Steinle“ (1991) von Dan Graham wird eventuell vom Ulmer Magirushof nach Neu-Ulm geholt und dem Theater Neu-Ulm, welches wohl ab der Spielzeit 2012 / 13 unter der Adresse Hermann-Köhl-Straße 1 residieren wird, vors Portal gesetzt. So entsteht ein Kunst-Magnet auf der rechten Seite der Donau.
Der wird heftig korrespondieren mit den zentral am Petrusplatz gelegenen Museen. Und vorläufig gekrönt wird dies elektrisierende Ensemble durch eine zeitlich begrenzte konzertierte Gärtner-plus-Plastiker-Aktion: Die Friedenstraße, die auf der Gegenseite den Petrusplatz begrenzt, wird ein Jahr lang für den Durchfahrverkehr gesperrt und frei gegeben für „City Gardening“ (prägnanter: „Guerilla Gardening“) und als Ausstellungsfläche für Skulpturen (Großplastiken) entsprechend potenter KünstlerInnen aus der Region wie Gerd Mattheis, Felix Burgel, Herbert Volz, um einige beispielhaft zu nennen.
Frank Stella: Entwürfe für das Gestalten des Petrusplatz in Neu-UlmUnrealistische Spinnerei? Reine Utopie? Absurde Ideen? Einstein hat mal gesagt: „Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt, dann gibt es keine Hoffnung für sie.“
Zeichnungen, Animationen, konkrete Entwürfe Starkünstlers Frank Stella liegen vor. Konkret. Sie sind zu besichtigen an den Wänden des Büros von Günter Steinle (Foto links). Dessen enge Verbindung zu Frank Stella ist in Jahren gewachsen, bei Besuchen in Stellas New Yorker Atelier, bei Stellas Gegenbesuchen in Ulm und vor allem in Neu-Ulm. Da hatte er am Petrusplatz gestanden, hatte eine Inspiration und lieferte Günter Steinle die Kreation frei Haus, mitsamt handschriftlichem Begleitbrief.
Das oben erwähnte Kunstwerk„Open Two-way Mirror for Günter Steinle“ (1991) von Dan Graham, welches am unmittelbar benachbarten kleinen Platz aufgestellt wird, gehört (wie aus der Werk-Bezeichnung ersichtlich) Günter Steinle ohnehin. Es fristete einige Jahre am Magirushof in Ulm ein unverdientes Stiefmütterchen-Dasein. Erst Stuttgarter Kunstverständige machten die Ulmer Kunstverwalter darauf aufmerksam, was da unbeachtet am Boden liegt. Steinle mag es nicht mehr so links liegen gelassen sehen und möchte es auf die rechte Seite des Flusses holen.

Die Gedankenspiele und Visionen passen prächtig ins neuerdings offensichtlich boomende Neu-Ulm. „Vor 15 Jahren war Neu-Ulm am Ende“, stellt Günter Steinle nüchtern fest. „Ich habe fertig“, hätte die Stadt sagen können, wenn sie sich hätte artikulieren können. Und auch ein paar Jahre später wäre Neu-Ulm noch immer hochinteressant gewesen für jemand wie Fridolin Dietrich. Der „Image-Pfleger“ entwickelt Markenauftritte besonders gern für scheinbar aussichtlose Fälle. Heute.
Wenn er vor 20 Jahren schon aktiv gewesen wäre und von Neu-Ulm gewusst hätte, müsste er sich um Neu-Ulm gerissen haben. Ob er damals einen Auftrag ergattert hätte, darf bezweifelt werden. Noch heute sind längst nicht alle überzeugt, dass die Stadt einen solchen Image-Pfleger braucht. Noch immer hält ein Teil des Stadtrates es für überflüssig, Gelder bereitzustellen für einen City-Manager, besser: für Stadtmarketing. Da wird schnell dahingesagt: Die Händler, die sich hier eine goldene Nase verdienen (wollen), sollen doch zusammenlegen und sich selbst vermarkten.
Günter Steinle ist in Neu-Ulm „eingestiegen“, als große Baugesellschaften schon konzipierte Projekte abbliesen, zunächst interessierte Handelshäuser wieder absprangen und auch sonst schien alles „tote Hose“.  Steinles erstes Neu-Ulmer Projekt war die alte Römerfabrik. Die Gegend beliebte selbst ein Bürgermeister gern als „Scherbenviertel“ zu bezeichnen. Als Günter Steinle da einstieg, wunderte sich die Branche. Er beteiligte sich am Wettbewerb ums Gestalten dieser Brache („Brachen sind mein Steckenpferd“)  – und machte den unangefochtenen ersten Preis. Gegen sehr etablierte Konkurrenz. Für Steinle selbst keine Überraschung: „Wir haben bislang noch jeden Wettbewerb gewonnen, an dem wir uns beteiligt haben.“
Sein“ Projekt „Römerhof“, welches Scherbenviertel zu nennen er sich fürderhin strengstens verbat, war so etwas wie eine Initialzündung. Zunächst kaum wahrgenommen, dann aber doch ausstrahlend. Die Wohnungen gingen entgegen allen Unkenrufen weg wie warme Semmeln, keineswegs nur als Anlage-Objekte: Vielen Eigentümern war das Areal attraktiv genug, um selbst einzuziehen. Diesem ersten Ausrufezeichen für gutes Wohnen mitten in der Stadt setzte Steinle eins drauf: Er getraute sich, die Anfrage ob er nicht die selbst von der Stadtspitze „Diaspora“ getaufte Brache um die sogenannte und viel diskutierte Hieber-Passage sanieren wolle, positiv zu bescheiden. An dem hatten sich schon manche die Zähne ausgebissen. Heute ist das Gebiet regelrecht salonfähig.
Solcher unternehmerischer Geist und besondere Zeitläufte gingen Hand in Hand mit einer gewissen kommunalpolitischen Aufbruchstimmung. Die relativ kleine und relativ junge bayerische Stadt hat, das ist eine jetzt und hier mal gewagte These, Neu-Ulm hat viel zukunftsträchtiges Potential. Das Zusammenspiel von Technologie, Talent und Toleranz bestimmt die Attraktivität einer Stadt. Und es soll hier kühn behauptet werden: In Neu-Ulm ist dieses Dreigestirn der neuen Urbanität in einem für die Größe der Stadt ausreichendem Maße beheimatet. Signifikant für den Punkt „Toleranz“ (der in Neu-Ulm Tradition hat – kamen Ulmer doch zu bestimmten Zeiten „rüber, um ein freies Wort zu führen“) also signifikant für „Toleranz“: Die Neu-Ulmerinnen und Neu-Ulmer waren so frei und wählten zum Ausgang des 20. Jahrhunderts tatsächlich eine Frau an die Spitze ihrer Kommune. Die Oberbürgermeisterin Dr. Beate Merk wiederum brachte in ihrer (für viele zu kurzen) achtjährigen „Regierungszeit“ ihre besondere, ja: frauliche Note ins Stadtgeschehen ein. Sie setzte Zeichen und Signale, erfand nicht nur Populäres wie das „König-Ludwig-Fest“ (der Kini hatte Neu-Ulm 1869 das Stadtrecht verliehen), sondern forcierte, um nicht zu sagen: implantierte innerstädtisch Kunst und Kultur (was bekanntlich nicht dasselbe ist), und wusste besondere Chancen, die sich boten, klug zu nutzen.
Neu-Ulm profitierte vom Abzug der US-Armee; das ehemalige Kasernengelände ist nun attraktives Wohngebiet sowie Standort der neugegründeten Hochschule Neu-Ulm; es wurde Teil einer bis heute positiv nachwirkenden Landes-Gartenschau und bietet auch jungen, zukunftsträchtigen Unternehmen Platz, Beispiel Edinson-Allee. Parallel wurde unter dem Motto Neu-Ulm 21 das die Innenstadt viel zu breit durchschneidende Bahnareal arrondiert, die Stadtdurchfahrt tiefer gelegt.
Was auch immer der letzte Auslöser war: Jetzt wird rege gebaut in Neu-Ulms innerstädtischen Arealen. War zum Ende des 19. Jahrhundert das damals ganz junge Neu-Ulm wegen seiner neuen Häuser attraktiv für Offiziere zum Beispiel, die in Ulm stationiert, aber mit den dortigen Wohnangeboten nicht zufrieden waren, so scheint auch jetzt wieder einiges für den Wechsel auf diese Seite der Donau zu sprechen.
Vieles in Neu-Ulm ist attraktiv für die Region, der Glacis-Park einschließlich der Veranstaltungsinsel mit dem „Amphitheater im Grünen“, das riesige Freizeitgelände im Bereich Wiley, neuerdings die Arena, der gerade fertiggestellte Top-Kletter-Dome des DAV an der Reuttierstraße (auf dem Gelände der ehemaligen Nelson-Kaserne), auch das Wonnemar liegt gerade noch auf Neu-Ulmer Stadtgebiet. Und: , die eine besondere Note dadurch bekam, dass die Neu-Ulmerinnen und Neu-Ulmer eine Frau an die Stadtspitze wählten. Die beste Küche beider Städte ist an der Neu-Ulmer Bahnhofstraße geboten („Stephanstuben“), das einzige Kindermuseum weit und breit findet man am Petrusplatz. Und solch herausragenden Initiativen wie die der Kunstmäzene Werner Schneider und Arthur Walther sucht man in Städten vergleichbarer Größe vergebens.
Nein, an Neu-Ulm kommt man kaum noch vorbei. Das auszubauen und eine Marke draus zu machen, daran arbeitet die aus einer Händlervereinigung hervorgegangene Innenstadt-Initiative „Wir in Neu-Ulm“, Dienstleister, Gastronomen, Künstler, Händler und Privatpersonen „Die sich für Neu-Ulm stark machen“. Seit einem Jahr ist diese, von der Stadt mitgetragene Initiative mit verschiedenen Aktivitäten auffällig geworden. Für die nächsten Jahre ist jeweils mindestens ein Projekt geplant, welches es vorher so noch nicht gab. So gibt es im Frühjahr 2012 als künstlerische Novität (für den deutschsprachigen Raum) das „1. Neu-Ulm PocketKlassiker-Festival“, welches, wenn es denn einschlägt, zur Biennale wachsen soll. Wenn dann die eingangs geschilderten Visionen noch realisiert werden, würde Neu-Ulm für einen „Imagepfleger“ Fridolin Dietrich un-interessant.
Und einer wie Günter Steinle, der hat noch manchen Pfeil im Köcher, sprich: Pläne (nicht nur) in der Schublade. Er wird seinen Teil dazu beitragen, die Lebensqualität in Neu-Ulm zu erhöhen, parallel und zusammen mit anderen, die ihre Unternehmungslust, Kreativität Freude am Gestalten überborden lassen.
Wer zu denen gehören will, „Die sich für Neu-Ulm stark machen“ ist im Kreise der Aktivisten, die sich unter „Wir in Neu-Ulm“ zusammengetan haben, herzlichst willkommen. Es gibt Ideen für mindestens zehn Jahre. Und jede weitere gute Idee wird eine Chance haben.
Mal sehen, ob spätestens in zehn Jahren Stadtführungen durch Ulm nicht regelmäßig einen Seitenwechsel, einen Seitensprung nach Neu-Ulm machen müssen.
.......