Samstag, 17. März 2012

Fehlt es am guten Willen? Oder am richtigen Bewusstsein?

Da initiiert der Stadtrat Neu-Ulm eine Reihe „Kultur im Dialog“. Bei der Auftaktveranstaltung geht es um „Integrierte Stadtentwicklung“. Dazu wird der Stadtplaner von Ingolstadt eingeladen. Der referiert über die Bedeutung der „Kreativen Klasse“, streicht heraus, wie wesentlich die weichen Standortfaktoren sind, weist hin auf den Megatrend „People follow people“. Helsinki ist derzeit Welthauptstadt des Design, Obertrend: „Ideen formen statt Objekte“. Parallel spekuliert man in den Zirkeln der maßgeblich werdenden und zunehmend richtungweisenden Kultur- und Kreativwirtschaft über Wege des „creative placemaking“. Die bürgerschaftliche Initiative „Wir in Neu-Ulm“ hat exakt auf dieser Linie Strategien erdacht und vorgelegt, welche gedanklich auf den oben angerissenen Trends basieren und praktikable Ideen einschließlich umsetzbarer Handlungsstränge aufweisen.

Wer das alles verfolgt, auf dem Sektor aktiv ist, für seine Kommune was tun will, als „creative initiator“  arbeitet, wird in Neu-Ulm  in den letzten Tagen (nun ausgerechnet nach diesem ersten „Kultur im Dialog“-Versuch) überrascht  gehäufte Presse-Publikationen zur Kenntnis genommen  haben, die Neu-Ulm präzise als Geisterfahrerin auf der Gegenfahrbahn zukunftsorientierten Denkens ausweisen:

Die Stadt sagt nur noch, was nicht geht  Südwest Presse, 17. März 2012

Kurz vorher noch hatte es geheißen:

Eine Bastion für die Kunst  Neu-Ulmer Zeitung, 16. Januar 2012

Feste feiern geht nicht überall  Südwest Presse, 17. März 2012

Zweite Chance für altes Donaubad  Neu-Ulmer Zeitung, 17. März 2012

Kulturbiergarten: Stadt prüft altes Donaubad  Südwest Presse, 16. März 2012

Umzug von der Flussmeisterei ins alte Donaubad geplatzt  Südwest Presse, 14. März 2012

 

So kommentierte Edwin Ruschitzka zu recht:

Es fehlt am guten Willen Südwest Presse, 14. März 2012

Wahrscheinlich fehlt es auch am Bewusstsein, welches notwendig wäre, wenn die Zukunft gelingen soll. Es wird ja gern kolportiert: Absolut knappe finanzielle Mittel beflügeln die Kreativität von Künstlern. Abgesehen davon, dass, wenn das stimmen sollte, unbedingt auch Politiker und andere Entscheidungs-Träger mit diesem Armuts-Trick zu mehr Kreativität gezwungen werden sollten, ist wohl eher festzustellen, dass Künstler, die Geld hätten für ihre Kunst, (noch) viel mehr bewegen könnten. Schon allein, indem sie durch irritierende Kunst das eingefahrene Bewusstsein attackieren könnten.

Wie hoch ist der Prozentsatz dessen, was wir Menschen unbewusst tun). Freud sagte bekanntlich: 96 Prozent. Die moderne Gehirnforschung sagt: noch viel höher! Nahezu hundert Prozent. Und wenn wir etwas anders machen (“innovativ” sein) wollen, muss das Unbewusste erzogen werden – ein absolut anstrengendes Unterfangen. Das Bewusstsein soll das Sein bestimmen. Aber wir lassen das Gegenteil immer wieder (gern?!) zu. Wir verharren in der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Deswegen ist die Katastrophe (finanzielle Engpässe, Fehlen von Ressourcen) oft Anlass, umzudenken. Das ist “natürlich”. Menschlich(er = unnatürlich) wäre ein vom Bewusstsein gesteuertes Umdenken.

“Wir müssen uns bewusst sein, welche Hürde unsere durch bewusstes Denken getroffenen Entscheidungen überwinden müssen. (Anm.d. Säzzers: Dieses verdammte Beharrungsvermögen, diese geistige Trägheit, diese liebgewonnenen Routinen) Sie müssen einen Weg ins kognitive Unbewusste finden, um bis zum Handlungsapparat durchzudringen.” – So der Top-Neurologe Antonio Damasio (in Antonio Damasio: “Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins”, Siedler Verlag, München, 2011, S. 295, ISBN978-388680-924-0).

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